„Heimat auf der Haut“: Otto-Ubbelohde-Preis geht nach Emsdorf
Ein außergewöhnliches Projekt aus Emsdorf ist in diesem Jahr mit dem Otto-Ubbelohde-Preis des Landkreises Marburg-Biedenkopf ausgezeichnet worden. „Heimat auf der Haut“ hat die katholische Marburger Tracht fotografisch dokumentiert und dabei weit mehr geschaffen als nur einen Kalender. Es ist eine ganz besondere Reise durch die Emsdorfer Heimatgeschichte.

Was bleibt von einer Tradition, wenn sie irgendwann nicht mehr im Alltag gelebt wird?
Diese Frage steht ein Stück weit hinter einem Projekt, das vor einigen Jahren in Emsdorf seinen Anfang nahm. Die Projektgruppe „Heimat auf der Haut“ wollte die katholische Tracht, wie sie in Emsdorf über Generationen getragen wurde, fotografisch festhalten.
Was zunächst als Idee für das 725-jährige Ortsjubiläum entstand, entwickelte sich zu einem umfangreichen Projekt mit elf Models, drei Fotografen, rund 15 Shootings und mehr als 500 entstandenen Bildern.
Am 23. September wurde diese Arbeit nun besonders gewürdigt: „Heimat auf der Haut“ gehört zu den diesjährigen Otto-Ubbelohde-Preisträgern des Landkreises Marburg-Biedenkopf.
Eine Postkarte brachte die Idee ins Rollen
Wie so oft beginnt auch diese Geschichte mit einem eher zufälligen Moment. Auf einer Reise nach Freiburg im Breisgau entdeckte Verena Pfeiffer, die Initiatorin des Projekts eine Postkarte mit einer Trachtenträgerin aus dem Schwarzwald. Und plötzlich war da die Frage: Warum gibt es so etwas eigentlich nicht mit unserer eigenen Tracht? Denn auch Emsdorf hat eine ganz eigene Trachtengeschichte.
Die katholische Tracht gehört zu den Besonderheiten unserer Region. Und obwohl sie heute nur noch selten aktiv getragen wird, gibt es in Emsdorf noch immer einen besonderen Schatz: alte, gut erhaltene Trachtenstücke, die über Generationen in den Familien weitergegeben wurden. Genau diese Stücke sollten sichtbar werden. Nicht einfach auf einem Kleiderständer oder in einer Vitrine, sondern getragen von Menschen und fotografiert in ihrer eigenen Heimat.
Aus einer Idee wird ein großes Projekt

Die ersten Gespräche waren schnell geführt. Drei Fotografen aus Emsdorf wurden angesprochen, Models aus dem Ort gefunden und die ersten Kleidungsstücke zusammengetragen. 2018 ging es schließlich mit den ersten Shootings los.
Über mehrere Monate hinweg entstanden rund 15 Fotoshootings – in unterschiedlichen Jahreszeiten und an verschiedenen Orten rund um Emsdorf.
Dabei musste jedes Detail stimmen. Kleidungsstücke, Schürzen, Tücher, Kopfbedeckungen, Schmuck und natürlich auch die Haare mussten passend zusammengestellt werden. Was heute vielleicht einfach nach „Styling“ klingt, erforderte viel Arbeit und Wissen über die historische Kleidung. Am Ende standen mehr als 500 Aufnahmen. Die elf Models zeigten unterschiedliche Varianten der Tracht, verschiedene Frisuren und Accessoires. Denn eine historische Tracht ist keineswegs statisch. Auch sie hat sich über die Generationen verändert. Besonders wertvoll war dabei der Fundus, auf den die Gruppe zurückgreifen konnte: Viele der verwendeten Kleidungsstücke stammen aus den Familien der Models und sind teilweise mehr als 100 Jahre alt.
Kleider, die über Jahrzehnte hinweg aufbewahrt, gepflegt und weitergegeben wurden – und nun noch einmal vor der Kamera zum Leben erweckt wurden.
Aus dem umfangreichen Bildmaterial entstand schließlich ein außergewöhnlicher 52-seitiger immerwährender Kalender.
Die Idee dahinter: Die Bilder sollten nicht nach einem Jahr verschwinden, sondern dauerhaft an die Emsdorfer Tracht erinnern. Die Fotografien zeigen deshalb nicht nur die Kleidung, sondern auch Emsdorf selbst. Unterschiedliche Jahreszeiten, Landschaften und Orte bilden die Kulisse für die historischen Kleidungsstücke.
So entstand eine Verbindung zwischen der Vergangenheit und dem heutigen Dorf.
Tradition trifft moderne Fotografie
Genau diese Verbindung macht „Heimat auf der Haut“ so besonders. Die Projektgruppe wollte junge Menschen für Tradition begeistern, Kreativität mit Heimatgeschichte verbinden und zeigen, dass historische Kleidung nicht zwangsläufig etwas Verstaubtes sein muss. Die Fotografien sind modern inszeniert. Gleichzeitig steckt hinter jedem Kleidungsstück eine Geschichte. Wie wurde ein Tuch gebunden? Welche Frisur gehörte dazu? Welche Kleidung wurde zu welchem Anlass getragen? Und wie hätte sich die Tracht eigentlich weiterentwickelt, wenn sie nicht irgendwann aus dem Alltag verschwunden wäre? Gerade diese Fragen machen das Projekt auch für Menschen interessant, die bisher wenig mit Trachten zu tun hatten.
Ein Blick weit zurück
Bei der Recherche für das Projekt stieß die Gruppe unter anderem auf die Arbeiten eines Volkskundlers und Sprachwissenschaftlers, der Anfang des 20. Jahrhunderts die hessischen Volkstrachten ausführlich dokumentierte.
Schon damals war klar: Wenn solche Traditionen nicht festgehalten werden, gehen irgendwann nicht nur Kleidungsstücke, sondern auch Wissen verloren. Die Emsdorfer Projektgruppe knüpft mit ihrer Arbeit gewissermaßen daran an – allerdings mit den Möglichkeiten moderner Fotografie. Dabei zeigt der Kalender bewusst unterschiedliche Varianten der Tracht. Denn auch früher gab es Veränderungen, unterschiedliche Moden und Einflüsse.
Das Projekt bewahrt also nicht nur einen bestimmten Zustand, sondern macht die Vielfalt dieser Kleidung sichtbar.
Sitzungssaal des Kreistages, in dem die Verleihung des Otto-Ubbelohde-Preises 2026 stattfand Verena Pfeiffer bei ihrer Dankesrede für die Projektgruppe Das Bläserquartett Con Brio umrahmte den Abend musikalisch In doppelter Funktion: Zusammen mit Joachim Stickler vertrat ich die Bürgergarde Kirchhain
Corona konnte das Projekt nicht stoppen
Eigentlich sollte „Heimat auf der Haut“ eng mit dem Emsdorfer Ortsjubiläum verbunden sein. Dann kam Corona. Das große Fest konnte nicht wie geplant stattfinden. Doch das Projekt war zu diesem Zeitpunkt bereits fertiggestellt und wurde weitergeführt. Bei verschiedenen Veranstaltungen gab es Rückblicke und Präsentationen. So wurde aus einem Beitrag zum Ortsjubiläum eine dauerhafte Dokumentation der Emsdorfer Tracht. Und der Kalender begann schließlich sogar über Emsdorf hinaus seine Kreise zu ziehen: Von Südtirol bis in die USA hat er inzwischen seinen Weg gefunden.
Heimat kommt von den Menschen vor Ort
Nicht irgendwo in einem Museum, sondern dort, wo sie entstanden ist.
Ein Stück Emsdorf für die Zukunft

Mit dem Otto-Ubbelohde-Preis 2026 bekommt dieses Engagement nun eine besondere Anerkennung. Der Preis würdigt dabei nicht nur einen Kalender oder eine Reihe schöner Fotografien. Er würdigt die Idee dahinter: ein Stück regionaler Kulturgeschichte zu bewahren, zugänglich zu machen und mit modernen Mitteln neu zu erzählen. Und vielleicht zeigt dieses Projekt auch, dass Heimatpflege längst nicht langweilig oder verstaubt sein muss. Manchmal braucht es einfach eine gute Idee, einige Menschen, die sie gemeinsam umsetzen – und den Mut, daraus etwas Größeres entstehen zu lassen.
In Emsdorf ist genau das passiert.
Herzlichen Glückwunsch an die gesamte Projektgruppe „Heimat auf der Haut“ zum Otto-Ubbelohde-Preis!
Ein tolles Projekt aus unserem Stadtgebiet, das zeigt, wie viel Geschichte, Kreativität und Engagement direkt vor unserer Haustür steckt. ❤️
Text: Frank Wagner Fotos: Frank Wagner und Projektgruppe "Heimat auf der Haut"





