Wird das unser neues Logo? – Meine Meinung als Grafiker



Am vergangenen Dienstag bei der Bürgerbeteiligungs-Abschlussveranstaltung war die Katze aus dem Sack. Die Stadt Kirchhain möchte ihre Vision auch visuell zum Ausdruck bringen und präsentierte ihre ersten Vorstellungen von einem neuen Erscheinungsbild (Corporate Design) für die Stadt Kirchhain. Meine Meinung dazu, erfahrt ihr im folgenden Text.

Doch bevor ich loslege, lasse ich doch erst einmal die Mitwirkenden mit ihrer Präsentation selbst zu Wort kommen. Über die Infokarte rechts oben im Video, könnt ihr übrigens auch abstimmen, wie euch der Entwurf gefällt. Ich denke nicht nur ich bin schon ganz gespannt darauf, wie eure Meinung zu dem geplanten, neuen Erscheinungsbild ausfällt.


Ja, errrm, offen und ehrlich gesagt bin ich da in einer Zwickmühle, denn da ich ja bereits eine Sympathiemarke für die Kirchhainer Bürger entwickelt habe, welche von diesen auf frei und kostenlos genutzt werden darf, könnte jede meiner kritischeren Aussagen so ausgelegt werden, dass ich damit nur meine eigene Arbeit schönreden möchte. Aber ich wage trotzdem mal den Versuch einer objektiven Beurteilung. Doch zunächst einmal zu folgender Frage:

Wie passen Sympathiemarke und Stadtlogo bzw. Claim zusammen – und können sie nebeneinander existieren?

Ursprünglich entstand die „Sympathiemarke für Kirchhain“ ja aus der Idee heraus, ein Zeichen zu schaffen, dass sich Kirchhainer Bürger, Vereine oder Unternehmen frei verfügbar an die Brust heften können, um somit ihre Verbundenheit zu ihrer Heimat zum Ausdruck bringen zu können. Die Verwendung des Stadtwappens ist ja leider an Regelungen gebunden, wie man sie in der Satzung zum Schutz des Stadtwappens nachlesen kann und sonst gab es ja bisher nix, mit dem man sich als Kirchhainer frei zugänglich identifizieren konnte.

Ich selber nutze die Sympathiemarke mittlerweile besonders gerne (z.B. in meinen YouTube-Videos), weil ich mir dadurch als deren Urheber ja nun überhaupt keine Gedanken machen muss, ob ich damit nun irgendwelche Nutzungsrechte missachte.

Beide Konzepte basieren auf einem bunten, Vielfalt suggerierenden „K“ als Bildmarke. Das Gute daran: wir sorgen dafür, dass zumindest die Menschen unserer Region ein „K“ deutlicher denn je mit Kirchhain assoziieren werden.

Gut ist aber auch, dass sich beide Bildmarken trotz ihrer Gemeinsamkeiten deutlich voneinander unterscheiden und der Betrachter dadurch klar erkennen kann, was Sympathiemarke und was das offizielle Logo der Stadt ist.

Die Frage, ob beides also nebeneinander existieren kann, ohne sich gegenseitig zu behindern oder den Markenkern zu verwässern, stellt sich hier sich hier ebenso wenig, wie beim offiziellen Logo der Stadt New York und deren Sympathiemarke "I love NY".

Im Claim „natürlich Vielfalt erleben“ steckt eine Werbebotschaft der Stadt Kirchhain. Hiermit möchte man eine offizielle Aussage für den Standort Kirchhain treffen und dafür werben. Der Claim ist gleichzeitig eine Aufforderung an Außenstehende: „Komm mal nach Kirchhain, schau es dir an oder ziehe hierher, denn hier herrscht Vielfältigkeit, und hier sind wir noch naturnah“. Das ist zumindest meine Interpretation davon.

Der Claim der Sympathiemarke hingegen ist eine reine Bekundung einzelner oder mehrerer zu ihrer Heimat. „Hier schlägt mein Herz“ bzw. „Hier schlägt unser Herz“ ist keine Aufforderung, sondern eine Überzeugung, die natürlich auch für Außenstehende eine Signalwirkung hat aber sich in erster Linie nach Innen richtet. Wir sagen damit: „Hey, lieber Mitbürger ich bin gerne Kirchhainer und fühle mich als Teil einer Gemeinschaft – unserer Gemeinschaft“ .

Scheiden tut weh…?

Also gut, wir trennen uns nun also wahrscheinlich demnächst als eine der letzten Städte im Kreis von unserer alten Heraldik. Das mag einigen gefallen und anderen nicht. Jedoch ist es ein Schritt, der manch anderer Kommune nicht leicht gefallen ist und das merkt man auch deren Logos an. Viel zu überladen für ein Logo kommen diese daher. Anstatt Prägnanz zu zeigen und auf einen schnellen Wiedererkennungswert zu setzen, wollte man es allen recht machen: Marburg, Ebsdorfergrund, Neustadt, Homberg – sie alle habe noch in irgend einer Weise ihr Wappen im Logo.

Das Ergebnis: Ein Logo, wie das der Stadt Marburg, welches versucht Wappen UND eine top-moderne Bildmarke unter einen Hut zu bringen, kam beim Stadtlogo-Designportal (seit kurzem leider offline) auf gerade mal 24 % Zustimmung, wie ich schon bei meinen Recherchen im Sommer vergangen Jahres feststellen konnte.

Alte Zöpfe abzuschneiden heißt ja nicht gleich, sich gänzlich von ihnen zu trennen. Wie auch schon von Bürgermeister Hausmann angesprochen, würde uns das Wappen nach wie vor erhalten bleiben: Bei hochoffiziellen Anlässen, als klassisches Souvenirelement und natürlich auf Bannern und in Form von Vereinswappen uvm. käme es weiterhin zum Einsatz.

Doch mal ehrlich, wo sonst haben wir Kontakt dazu?

In amtlichen Schreiben? – Da hätte ich nichts gegen einen weniger hoheitlichen, sondern freundlicheren Auftritt.

In den neuen Medien? – Kirchhain ist kein Rittergut und eine sooo weltbewegende Historie, wie z.B. Dresden mit seiner Altstadt haben wir auch nicht. Demnach sollten wir uns gerade in den neuen Medien jung und frisch zeigen – eben so, wie wir sind. Oder wer von euch würde unsere Stadt auf einer Ebene mit einer traditionellen urbayerischen Kleinstadt sehen wollen, in der noch zünftige Bräuche gepflegt werden?


Aber nun zu den gestalterischen Elementen

Wie bereits angesprochen, lohnt sich ein Blick über den Tellerrand – also hin zu unseren Nachbargemeinden oder zu den Logos von Regionen oder Landkreis. Wie überladen mir so manche Logos davon sind, hatte ich ja bereits geschildert. Aber es geht auch in die andere Richtung: Eher schlicht und modern – dafür aber oft auch streng und bürokratisch anmutend. Manchmal verspielt – aber dafür nicht wirklich ernst zu nehmen. Oder auch mal ganz klassisch – aber dafür mit geringem Wiedererkennungswert. Jaaa… und dann sind da noch ein paar dabei die schlichtweg handwerklich einfach mittelmäßig umgesetzt wurden (Gestaltgesetze spielten bei der Entwicklung und Auswahl wohl keine übergeordnete Rolle).

Allerdings ist nicht alles schlecht und es gibt auch ein paar gute Logos in dieser Sammlung. Jedoch geht es noch wesentlich besser. Hier mal ein Vergleich zu einigen der erfolgreichsten Städtelogos weltweit:


Wie man sieht, kommen sie alle sehr prägnant daher. Jedes von ihnen hat seinen ganz individuellen Look und spiegelt den Charakter und Charme der jeweiligen Stadt schon visuell wieder. Da wundert es nicht, dass viele von Ihnen ganz ohne Claim auskommen.

Aber zurück nach Kirchhain...

Wort und Bildmarke schaffen einen guten Kontrast zwischen Moderne (Bildmarke) und Tradition (Wortmarke). Und beides findet sich auch in Kirchhain wieder: Fachwerk neben modernem Neubau in den Dörfern. Hexenturm neben Bürgerhaus in der Kernstadt – um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Verbindung spiegelt aber auch die unterschiedlichen Wertewelten Kirchhains Bürger wieder: konservativ versus hedonistisch. – Da hätte ich mir gerade in der Bildmarke (also dem einfachen „K“) eine wärmere, aktivere Farbpalette gewünscht. Gerade in Verbindung mit dem hohen Anteil der Farbe Petrol wirkt das Facebook-Profilbild recht kühl.

Die Typografie des Claims unter Verwendung einer leicht infantil anmutenden Schriftfamilie ist zwar nicht so meins, passt aber zu der Vision einer Familien- und dadurch kinderfreundlichen Stadt, die man zukünftig nach außen tragen möchte.

Und dann war da noch das, woran sich bereits mehrere Bürger gestört hatten: Die Bildmarke im schräg gestellten Grenzstein vor dem grünen Gras. Er solle doch lieber gerade stehen, war eine Wortmeldung bei der ersten Begutachtung. Eine Auffassung die ich voll und ganz teile, denn gerade auf dem Briefbogen ist es dem „heiteren" Scherenschnitt-K zu verdanken, dass ich mich gerade so dazu zwingen kann, nicht an einen Grabstein zu denken. Ein Punkt, der sich aber leicht beheben lässt.

Insgesamt ist das Erscheinungsbild also ein guter Anfang bei dem es meiner Meinung nach jedoch noch etwas Nachbesserungsbedarf gibt. Auch wenn ich weiß, dass dies nur erste Richtungen sind, die hier aufgezeigt wurden, lassen mich gerade die Beispiele von Flyer oder Plakaten ein wenig „kreative Experimentierfreudigkeit“ vermissen. Rechtwinklige Flächen und rechteckige Kästen sowie strenge Serifenschrift für die Brottexte und Headlines lassen die Gestaltung wieder etwas in die Beliebigkeit und konservative Anmutung abrutschen. Ich würde mir wünschen, dass man die Prinzipien vom Scherenschnitt-K aufgreift und so wie dort mit sich überlappenden Flächen spielt und rechte Winkel weitestgehend aus dem Erscheinungsbild verbannt.

Nichts desto trotz – das Erscheinungsbild der Stadt Kirchhain ist nun also auf den ersten Weg gebracht und es wird sich in Zukunft zeigen, wie es bei euch, den Bürgern, die es ja auch repräsentieren soll, ankommt. Ich bin jedenfalls froh, dass wir schon frühzeitig in den Gestaltungsprozess eingeweiht wurden.

In wie weit es auch von den Bürgern uneingeschränkt genutzt werden darf oder ob die Nutzung einzig dem Magistrat oder ihm nahen Organisationen vorbehalten bleibt (z.B. Stadt- und Tourismusmarketing, Verkehrsverein, etc.) bleibt noch offen.

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