SoLaWi – Auf dem Acker beginnt ein Wandel
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Am 31. März war ich im Bürgerhaus Kirchhain bei einer Informationsveranstaltung zur geplanten solidarischen Landwirtschaft „Grüner Daumen“. Eingeladen hatten Andreas Hanisch und Petra Kunkel von der Öko-Agrar-GbR – vielen hier besser bekannt durch die SB-Bio-Scheune zwischen Kirchhain und Langenstein. Schon beim Ankommen war spürbar: Hier geht es nicht nur um Gemüse, sondern um ein ganz anderes Verständnis von Landwirtschaft.

Ein Einstieg, der den Blick weitet
Den Abend eröffnete Simone Ott vom Netzwerk Solidarische Landwirtschaft e. V. Sie begrüßte die Initiatoren und nahm uns direkt mit in die Grundidee der SoLaWi. Ein Satz blieb mir besonders hängen: „Genießen, was die Erde hergibt.“
Es ging um Vielfalt statt Monokultur, um saisonale und regionale Lebensmittel, die direkt vom Feld in die Verteilstellen kommen – ohne Umwege, ohne lange Transportketten. Ebenso wichtig: transparente Kosten, regionale Wertschöpfung und die Möglichkeit, selbst mit anzupacken. Gartenarbeit als Ausgleich, als Lernort für Kinder oder einfach als Möglichkeit, sich wieder ein Stück zu „erden“.
Spannend fand ich vor allem die Gegenüberstellung der Vorteile – sowohl für die Erzeugenden als auch für die Verbrauchenden:
Für die Landwirte bedeutet eine SoLaWi:
Planungssicherheit durch feste Beiträge
ein gesichertes Einkommen – unabhängig von der Erntemenge
gemeinsames Tragen von Risiken, etwa bei schlechten Wetterbedingungen
mehr Gestaltungsspielraum, z. B. für Bodenfruchtbarkeit oder nachhaltige Anbaumethoden
und nicht zuletzt: mehr Freude an der Arbeit, weil sie wissen, für wen sie anbauen
Für die Teilnehmenden:
frische, saisonale und regionale Lebensmittel in guter Qualität
volle Transparenz darüber, wo und wie Lebensmittel entstehen
die Stärkung regionaler Strukturen und nachhaltiger Landwirtschaft
Zugang zu Wissen, Erfahrungen und Bildungsangeboten rund um Ernährung und Natur
und auch: Gemeinschaft, Naturerlebnis und ein Stück Entschleunigung
Das Ganze ist also deutlich mehr als nur ein anderes Einkaufsmodell – es ist ein Perspektivwechsel.
Was steckt hinter einer SoLaWi?
Das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft ist eigentlich schnell erklärt: Eine Gruppe von Menschen trägt gemeinsam die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs – und erhält im Gegenzug die Ernte.
Das bedeutet konkret:
Alle zahlen einen festen monatlichen Beitrag
Alle bekommen den gleichen Anteil der Ernte – unabhängig von Marktpreisen
Gute wie schlechte Ernten werden gemeinsam getragen
Dahinter steckt eine klare Idee: Landwirtschaft wieder näher an die Menschen bringen, Planungssicherheit für Betriebe schaffen und gleichzeitig ein Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln entwickeln.
Vom klassischen Betrieb zur Vision
Im zweiten Teil des Abends berichtete Andreas Hanisch sehr persönlich aus seinem Werdegang. Angefangen hat er ganz klassisch mit Kühen, später kam ein regionaler Laden dazu. Aus zunächst zwei Reihen Kraut ist mittlerweile ein beachtlicher Gemüsebetrieb mit rund 20 Sorten geworden.
Heute bewirtschaftet er etwa 5 Hektar im Gemüsebau, darunter rund 2.000 Quadratmeter Folientunnel. Die Produkte landen nicht nur in der eigenen SB-Bio-Scheune, sondern auch bei der Ökokiste und bis in den regionalen Einzelhandel.
Was mich beeindruckt hat: Andreas’ Leidenschaft, Menschen für Landwirtschaft begeistern zu wollen. Er möchte Verständnis schaffen – für die Arbeit, aber auch für die Preisentwicklung. Ein Beispiel, das hängen bleibt: Manche Landwirte arbeiten laut ihm faktisch für einen Bruchteil des Mindestlohns.
Warum eine SoLaWi?
Ein Beweggrund für die neue Initiative war unter anderem die Zusammenarbeit mit dem Verein LOK in Stadtallendorf. Dort wird Landwirtschaft bereits als therapeutischer Erfahrungsraum genutzt.
Und dann war da noch ein Gedanke, der den Raum kurz nachdenklich machte: Was passiert eigentlich, wenn Lieferketten plötzlich ausfallen? Ein Fall, der heute vielleicht gar nicht mal mehr so undenkbar wäre und in dem der lokale Landwirt für viele von uns wohl die erste Anlaufstelle sein dürfte – so lange es ihn noch gibt. Ein starkes Argument also für regionale Strukturen.
Gleichzeitig geht es ihm auch um Wertschätzung: Lebensmittel, die heute oft im Überfluss vorhanden sind, wieder bewusster wahrzunehmen.
So soll der „Grüne Daumen“ funktionieren
Geplant ist ein klassisches SoLaWi-Modell:
Start möglichst zum 1. Juni 2026
Mindestens 20 „Vollabonenten“ nötig
Beitrag: ca. 90 € pro Monat (ein halbes Abo läge bei 60 €)
Laufzeit: ein Jahr
Dafür gibt es wöchentlich eine Gemüsekiste mit saisonalen Produkten. Abholung wäre an zwei Tagen pro Woche möglich. Anteile können auch weitergegeben oder z.B. an die Tafel gespendet werden.
Wer möchte, kann an einem Tag in der Woche auf dem Feld mithelfen – muss aber nicht. „Niemand soll zum Frohndienst gezwungen werden.“, so Andreas.
Ein weiterer spannender Aspekt: Einmal im Jahr gibt es eine gemeinsame „Beitragsrunde“. Dabei legt der Landwirt seine Kosten offen, und es wird gemeinsam ein neuer Beitrag für das folgende Jahr festgelegt, der neben den Bewirtschaftungskosten auch abhängig von der Mitgliederzahl ist. Mehr Transparenz geht kaum.
Das Ganze ist also weit mehr als ein Abo-Modell. Es ist der Versuch, Landwirtschaft wieder als gemeinschaftliche Aufgabe zu denken.
Wie geht es weiter?
Ob die SoLaWi schon dieses Jahr startet, hängt davon ab, ob genügend Interessierte zusammenkommen. Falls nicht, wird der Start auf 2027 verschoben.
Ganz wichtig: Die nächste Infoveranstaltung findet am 11. April um 10:30 Uhr direkt auf dem Hof statt. Wer sich ernsthaft dafür interessiert, sollte sich diesen Termin unbedingt vormerken.
📅 Save the Date: Auch das Kelterfest auf dem Hof ist in diesem Jahr für Sonntag, 27. September 2026 geplant.
Mein Eindruck
Ich bin aus dem Abend mit dem Gefühl gegangen, dass hier etwas richtig Sinnvolles entstehen kann. Nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für unsere Region. Gerade in Zeiten, in denen Lebensmittel oft einfach selbstverständlich im Supermarkt liegen, ist so ein Ansatz ein spannender Gegenentwurf. Einer, der wieder Nähe schafft – zum Produkt, zum Erzeuger und vielleicht auch ein Stück weit zu uns selbst.
Am Ende durfte sich jeder noch einen frischen Salatkopf mitnehmen. Meiner landete am selben Abend noch in der Schüssel – und ich kann sagen: Man schmeckt den Unterschied. Vielleicht auch, weil man plötzlich weiß, wo er herkommt.
Text: Frank Wagner
Fotos: Frank Wagner, Andreas Hanisch



























