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Neues Hessen-Logo: Frischer Anstrich, bröckelnde Realität?

  • vor 17 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Hessen feiert sich zum 80. Geburtstag – und gönnt sich ein neues Logo. Moderner, klarer, zeitgemäßer soll es sein. Doch während in Wiesbaden am Erscheinungsbild gefeilt wird, stellt sich vor Ort eine ganz andere Frage: Passt dieser neue Anstrich überhaupt zur Realität im Land?



Ich schreibe diesen Text mit drei Hüten auf dem Kopf: als Blogger, als Werbegrafiker – und als Stadtverordneter.

Und vielleicht ist genau diese Mischung der Grund, warum mich das neue Corporate Design des Landes Hessen mehr beschäftigt, als es ein Logo eigentlich sollte. Denn es geht hier um mehr als Gestaltung. Es geht um Prioritäten.


Rund 290.000 Euro für ein neues Erscheinungsbild. Das ist für ein Bundesland kein Skandalbetrag. Aber Politik funktioniert nicht nur über Zahlen – sondern über Signale. Und genau da wird es schwierig, denn während man sich in Wiesbaden ein neues visuelles Erscheinungsbild gönnt, wird gleichzeitig über Einsparungen diskutiert – unter anderem im Bildungsbereich. Das sorgt zwangsläufig für eine Frage, die sich viele stellen: Ist das gerade das womit sich eine Landesregierung derzeit beschäftigen sollte?



Kirchhain: Die Themen liegen woanders


Wenn ich mich in Kirchhain und den Stadtteilen umhöre – und das war ja durch die Kommunalwahl in letzter Zeit besonders häufig der Fall, dann geht es nicht um Logos. Es geht um Dinge, die wir jeden Tag erleben: Straßen und Infrastruktur, die vielerorts eher verwaltet als verbessert werden, fehlende Radwege (etwa Verbindungen aus Stadtteilen wie Emsdorf in die Kernstadt), Feuerwehrstützpunkte, die seit Jahren auf Sanierung warten oder Dorfgemeinschaftshäuser und Kitas, die teilweise nicht weniger Bedarf dafür haben. Dazu kommen die klassischen Dauerbrenner, wie Leerstand in der Innenstadt – mit zu wenig Gastronomie und Aufenthaltsqualität, fehlende Vielfalt im Einzelhandel. Das und noch mehr, sind die Themen, die uns beschäftigen. Nicht die Frage, ob ein Löwe moderner aussieht.


Unser Corporate Design liegt auf der Straße


Das eigentliche Erscheinungsbild eines Landes entsteht nicht im Styleguide. Es entsteht draußen, auf den Straßen, in den Stadtteilen. In der Infrastruktur, in der Geschwindigkeit, mit der Dinge funktionieren – oder eben nicht. Das ist das wahre Corporate Design. Und genau hier entsteht der Bruch. Wenn die Realität nicht zum Hochglanz-Auftritt passt, wirkt Gestaltung wie Fassade, wie ein neuer Anstrich auf einem Gebäude, bei dem die Substanz längst Risse hat.


Als Blogger sehe ich, das Thema trifft einen Nerv. Als Stadtverordneter merke ich, die Erwartungen liegen woanders.

Und genau deshalb wirkt dieses neue Design wie ein Symbol – nur leider für die falsche Reihenfolge.


Erst die Oberfläche, dann der Inhalt? Eigentlich sollte es andersherum sein.



Und jetzt zum Design selbst



Das neue Hessen-Logo ist im Kern wieder ein klassisches Wappen – nur neu gezeichnet. Tatsächlich hat man dafür, laut den Worten unseres Ministerpräsidenten das Volksstaatswappen von 1919 verwendet. Mit vielen Details, mit vielen Linien und mit vielen kleinen Flächen. Das Problem: Genau das widerspricht modernen Designprinzipien.

Ein Logo muss heute funktionieren als Profilbild, auf dem Smartphone, in kleinsten Größen und in unterschiedlichsten Anwendungen. Genau da wird es schwierig, wie man allein am Profilbild des Landes Hessen auf Facebook merkt. Wenn das Wappen zu komplex ist, dann nimmt man nur einen Ausschnitt – und verändert dadurch die Wirkung erheblich.

Schon das alte Hessen-Logo war kein Freund praktischer Anwendungen – etwa beim Sticken auf Kleidung, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann. Das neue macht es nicht besser. Stattdessen macht Detailtiefe viele Anwendungen unnötig kompliziert oder unbrauchbar. Und genau das ist eigentlich das Gegenteil von dem, was ein Redesign leisten sollte.




Andere gehen einen anderen Weg:


Die Philipps-Universität Marburg hat ihr Erscheinungsbild bewusst vereinfacht und digital gedacht. Die Stadt Marburg hat sich von ihrem Wappen komplett verabschiedet, um ihr Logo überhaupt zeitgemäß nutzen zu können. Bei beiden kann man sagen: vielleicht zu stark reduziert (auch darüber gab es ja schon deutliche Kritik).

Hessen macht das Gegenteil: Zu kleinteilig, zu starr, zu wenig flexibel, wie ich finde. Modern wirkt das nur teilweise, wenn man z.B. Farbgebung und Hausschrift betrachtet. Das Wappen wirkt eher wie ein Relikt.


Blick in die Fachwelt: Deutliche Kritik


Auch in der Designszene fällt das Urteil überraschend hart aus. Im Fachblog Design Tagebuch schreibt Autor Achim Schaffrinna hebt zwar positiv hervor, dass Wortmarke und Bildmarke nun getrennt voneinander flexibel angeordnet werden können und hebt auch positiv Farbschema und das visuelle Erscheinungsbild hervor. Umso kritischer ist er – ähnlich wie ich – bei der Beurteilung des Staatswappens und hebt dabei vor allem die unausgewogene Positionierung des Löwen im Schild hervor. In Bezug auf gute Wappenvereinfachungen verweist er in seinem Artikel z.B. positiv auf Leipzig, Oslo oder Madrid.


Deutlicher negatver wird es in den Kommentaren (häufig aus der Fachwelt):

  • „eine Katastrophe“

  • „gar nichts erkennbar“

  • „nicht modern“

  • „haut mich nicht um“ 

  • „da mag so gar nichts passen“ 

Auch in der breiten Öffentlichkeit fällt das Echo ähnlich aus:

  • „misslungen“

  • „ohne Identität“

  • „sieht älter aus als das alte Logo“ 


Kurz gesagt: Selten war die Kritik so einhellig – fachlich wie öffentlich.



Ein neues Erscheinungsbild ist nicht das Problem.


Das Problem ist, wenn es zur falschen Zeit kommt – und wenn es gestalterisch nicht das einlöst, was es verspricht. Politisch sendet es ein fragwürdiges Signal. Gestalterisch bleibt es für mich hinter dem Stand der Zeit zurück. Und am Ende bleibt ein Eindruck, der sich schwer wegdiskutieren lässt: Ein Land arbeitet an seiner Oberfläche, während die Wahrnehmung vor Ort eine ganz andere ist.


Oder anders gesagt: Das überzeugendste Corporate Design entsteht in diesem Fall nicht am Schreibtisch – sondern im echten Zustand eines Landes.



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